Mein Puls beschleunigt sich, meine Hände klammern sich ums Lenkrad, ich warte angespannt ab, bis der Mann das Kommando gibt. Wir kennen uns erst seit wenigen Stunden und schon jetzt diese Aufregung. Auf was habe ich mich da nur eingelassen. Das Auto des Mannes ist halb so gross wie meins. Es hat ein rotes Schiebedach, und rot sind auch die Seitenspiegel, der Rest ist schwarz. Es ist ein kleines Cabrio. Süss, aber irgendwie nicht männlich. Aber männliche Sicherheit strahlt er aus. Besonders jetzt. Wir stehen hintereinander vor der Schranke des Parkplatzes. Ich habe kein Ticket bekommen, er hat eins. Irgendwas ging schief. «Glaub mir, es funktioniert», hat er gesagt. «Wenn ich durch die Schranke fahre, fährst du einfach ganz schnell hinter mir her. Bleib dicht an mir dran!»
Angespannt hinter dem Lenkrad
Ich habe das noch nie gemacht. Was, wenn die Schranke auf mein Auto kracht? Was, wenn ich nicht im richtigen Moment Gas gebe und hinter dem Mann zurückbleibe? Abgetrennt von einer Schranke? Ausserdem ist das doch sicher illegal. Wir sind hier fast die einzigen, es dämmert und es schneit. Oh, jetzt geht’s los, der Mann steckt sein Ticket in den Automat, die Schranke öffnet sich, er fährt durch, ich dicht an ihm dran, schreiend im Auto. All die Nervosität lasse ich raus. Oh Gott, es funktioniert!
Ungemütlich und kalt
Kurz zuvor standen wir auf der Aussichtsplattform eines Aussichtsturms. Wir waren die einzigen Besucher bei Minusgraden und Minussicht. Der Mann trug einen schwarzen Wollmantel, Schiebermütze, es schneite und etwas unaufgeräumt standen wir beide herum. Da sprach er mich an, fragte, ob ich ihn fotografieren könne, und drückte mir sein Smartphone in die Hand. Ich knipste ihn und er knipste mich zurück. Später sah man auf dem Foto meinen skeptischen Blick, denn es war ungemütlich und ich zweifelte stark an meiner Idee, ausgerechnet hier am Samstag nach Inspiration für meine Geschichten und mein Leben zu suchen. Und wer war überhaupt dieser Mann, der mich hier munter beplapperte und ungeniert musterte. Ausserdem kam er zu nahe. Ich ging einen Schritt zurück und erklärte ihm dann geduldig die Sehenswürdigkeiten der Landschaft, die man von hier aus sah, würde man etwas gesehen haben. Also dahinten wäre der Bahnhof, dort die Stadttore. Ja, es ist die älteste Stadt Baden-Württembergs, nein, es ist keine Märklinlandschaft.
Ein seltsamer Typ
Warum war der Mann hier? Er sagte, er habe einen Gutschein für eine Führung durch den Turm, der abliefe. Er sei auch Journalist und schreibe ausserdem Gedichte. Ach, was für ein Zufall. Das führten wir dann weiter aus, als wir als einzige Teilnehmer zusammen mit einem Turmwärter im Monteuranzug die Tour machten. Wir waren auch die einzigen, die sich im Anschluss die Multivision ansahen. Ich hatte drinnen die Mütze abgenommen und er sah meine langen rötlichen Haare. Ich merkte, dass ihm das gefiel. Ich wusste nicht, ob er mir gefiel, aber ich unterhielt mich gut. Die Schau endete, Bild und Raum wurden dunkel. Das Gesicht des Mannes kam näher: «Ich sollte noch Geschirrtücher kaufen», raunte er. Gibt’s die hier im Ort? Irgendwie sagte er immer andere Dinge, als ich erwartete. «Ja, der Haushaltswarenladen ist gleich neben der Cafeteria», erwiderte ich vage. «Dann könnten wir da vielleicht hingehen», schlug er vor. Ich könnte ein Stück Bienenstich vertragen. Haben die Bienenstich?
10 Minuten später sitze ich im Auto, mein Puls beschleunigt, die Hände umklammern das Lenkrad…
