Einkaufen in Italien

Kolumne in der

Autorin Elke Reinauer

geschrieben von

Elke Reinauer - Die vielseitige Autorin

Journalistin, Autorin, Reisende, Leiterin einer NGO in Namibia, Kreativ-Coach und vieles mehr

Auch wenn ich nichts kaufe, nehme ich etwas mit.

Ich liebe Rituale. Der Mann braucht sie nicht, findet sie langweilig. Ein schönes Ritual, wenn wir in Italien sind, ist: Ich muss noch in einen italienischen Supermarkt. Der Mann findet das doch auch gut. Artischocken, Antipasti, Pizzamehl, italienische Kekse… ich möchte auch dieses Mal in Mailand wieder bei Conad eskalieren und mir den Einkaufswagen voll packen.

Nicht nur wegen der Produkte, sondern wegen der ganzen Atmosphäre. Blöd nur, dass das Einkaufserlebnis getrübt wird, weil der Supermarkt am Samstag unglaublich frequentiert ist. Der Mann hat auch keine rechte Lust und macht sich auf die Suche nach einem WC. Er muss aufs Klo. Na gut, in der Zwischenzeit packe ich den Einkaufswagen voll und nutze die Gelegenheit, dass er nicht da ist, indem ich ein dickes, kitschig in Goldpapier eingepacktes Schokoladenei in meinen Einkaufswagen lade. Und dieses Olivenöl. Ich zahle schon, als der Mann wieder zurückkommt. Unbeweglich steht er vor mir. Ich winke ihm zu, dass er mir helfen soll, die Lebensmittel einzupacken. Wenigstens das. Warum war er nicht dabei? Beim letzten Einkauf in Italien fegte er mit mir begeistert durch die Gänge: «Schau mal, hier ist das Olivenöl günstiger als bei uns…» und «Willst du Limoncello mitnehmen?» werden heute nur von undefinierbarem Gebrummel begleitet. Na gut.

Ich bin aber noch nicht fertig, auch dann nicht, als wir die Einkäufe im Auto verstaut haben. Wir sind in Mailand und ich will mein Shoppingerlebnis fortführen. Doch der Mann weigert sich. Es ist unser letzter Tag in Mailand, wir sind 20 Minuten Fahrt von meinem Lieblingsgeschäft entfernt. Ich möchte vor der Abreise noch einen Abstecher in die Innenstadt machen.

«Nicht um etwas zu kaufen», sage ich schnell, weil der Mann sicher befürchtet, dass sein Portemonnaie herhalten muss. «Auch wenn ich nichts kaufe, nehme ich etwas mit.»

«20 Minuten Fahrt und dann kaufst du nichts? Lass uns doch lieber in ein Outlet gehen, unterwegs», schlägt er vor. Ich lehne ab. Ich will nicht in ein Outlet. Ich möchte flanieren, an schönen Geschäften mit edler Auslage vorbeigehen. Die Atmosphäre einsaugen in der Innenstadt: historische Gebäude im Brera-Viertel, Kaffeeduft von den kleinen Cafébars.

«Dann stehst du in dem Geschäft rum und kaufst nichts», sagt der Mann.

Ich muss nichts kaufen. Ich möchte mit meinen Sinnen erleben: an Ledertaschen schnuppern, Schuhe berühren, anziehen, nach Sonderangeboten stöbern, die Auslage bewundern, die neuesten Trends anschauen. Italienerinnen beobachten, mir überlegen, warum ich nicht so gut gekleidet bin, im Café sitzen, doch was kaufen, mit einer edlen Papiertüte an der Hand durch die Stadt schlendern. Ich möchte das Gefühl mitnehmen, dass auch ich so edel und elegant sein kann. Dass es hier Möglichkeiten gibt, dass ein paar Schuhe mein Leben verändern können. Ich möchte an den Mythos glauben: Made in Italy, edle Schuhe, nur hier von Hand hergestellt. Und dann dem Müssiggang frönen. Spontan einen Aperol trinken um 12 Uhr mittags und ein paar Oliven dazu. Beschwingt geht es dann weiter. Und was nehme ich mit? Einen wunderbaren Samstag in Mailand, an dem ich voller Leichtigkeit Geschäfte besucht habe.

Der Mann beharrt weiter auf dem Besuch im Outlet. Es ist nicht so, dass ich nicht gerne Einkaufszentren besuche. Aber der Gedanke an grelle Lichter, kreischende Kinder, Menschenmassen, die ins Shoppingcenter ziehen… nein. Heute nicht. Heute muss es Mailand sein.

Er hat Angst, dass er mir wieder etwas kaufen muss. Ganz sicher ist es das. Dabei will ich doch gar nichts kaufen. Ich muss nicht mit teuren italienischen Schuhen nach Hause zurückkehren. Ich will das Erlebnis, das Gefühl, dafür bin ich hier. Der Mann hat ein anderes Gefühl. Er sucht schon wieder nach einem WC. Langsam dämmert mir, warum er auch im Conad so missmutig war. Der Besuch beim Asiaten gestern war wohl zu viel. «Ich bleibe heute lieber in der Nähe einer Toilette», sagt der Mann und verabschiedet sich erneut aufs WC – und ich mich von den italienischen Lederträumen.

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