Heimscheisser
Ich muss mal. Nein, nicht dringend. Ich kann warten. Eine Stunde, zwei, sechs, von mir aus auch bis morgen, bis wir wieder auf einem Campingplatz sind. Ich muss schon seit gestern…aber hier gibt es keine Toilette. Nur Sand, Hitze und niedrige Büsche. Die Sonne knallt, wir sind in Namibia, besser gesagt im Norden Namibias in einem Ovambo-Kraal, bei meiner Freundin, die uns eingeladen hat zu ihrer Hochzeit. Wir campen und schlafen im Dachzelt unseres Hilux. Es gibt keine Toilette, Wasser kommt aus einer Quelle. Strom aus Generatoren. Während der Mann sich vom ersten Tag wie zu Hause fühlt, geht er in den Busch zum Kacken wie die anderen…
Wie macht er das nur? Er kann so schnell adaptieren, fremdelt keine Minute. Ich hingegen…mir ist es zu heiss, zu sandig, ich fühle mich fremd und es gibt kein WC. Ich mag auch nicht in den Busch, ich mag am liebsten zuhause auf mein eigenes WC gehen. Selbst bei einem Urlaub braucht mein Darm immer tagelang, um zu begreifen, dass das fremde Klo auch nicht schlecht ist. «Und jetzt soll ich in die Büsche? Bei Sand und Hitze?»
Ja, sagt der Mann, das machen alle so hier. Du bist doch ein Heimscheisser.
Er hat gelernt, wie es geht und wie man sich mit Blättern den Hintern abwischt, sagt er.
Hier gibt es aber nur Dornen an den Bäumen, sage ich und er reicht mir eine Rolle Klopapier. Morgen ist die Hochzeit in einer Kirche im nächsten Dorf. Ich werde in der Kirche aufs Klo gehen, nehme ich mir vor und lehne die Klopapierrolle ab. Ich träume von einer weissen Toilettenschüssel. Mit Deckel, geruchlos, oder nein, es duftet angenehm frisch nach Zitrone. Mein Traum wird immer luxuriöser, es gibt sogar eine flauschige Badematte vor der Schüssel und vierlagiges blütenweisses Klopapier. Herrlich! Halte durch bis morgen, flüstere ich meinem Darm zu.
Der nächste Tag: Hochzeitsgesellschaft erreicht die Kirche im nächsten Dorf. Und ich frage als Erstes: Wo ist das WC? Meine Freundin deutet auf einen Wellblechverschlag, sieht aus wie ein Dixiklo mit Wellblechummantelung. Eine Toilette. Endlich. Ich öffne die Tür, doch statt der erwarteten weissen Keramikschüssel sehe ich ein Loch, surrende Fliegen und alles, aber kein zitronenfrischer Duft. Ich knalle die Tür wieder zu. Dann geh ich halt in den Busch! Als ich mich umdrehe, steht der Mann hinter mir und reicht mir eine Rolle Klopapier: Willkommen im Club der Naturscheisser, sagt er.

2 Kommentare
Liebe Elke
Was für eine herrliche Kolume :)!
Und ich fühle voll mit – die Wahl zwischen Busch und Fliegenfalle würde mir auch schwerfallen.
Danke für diesen unterhaltsamen Heimscheisser-Einblick ;).
Herzlich,
Edith
Danke für Dein Feedback!