Miesmuschel

Kolumne in der

Autorin Elke Reinauer

geschrieben von

Elke Reinauer - Die vielseitige Autorin

Journalistin, Autorin, Reisende, Leiterin einer NGO in Namibia, Kreativ-Coach und vieles mehr

Ich möchte mit dem Mann reden, aber der Mann spricht mit den Miesmuscheln in der Spüle: «Ei, ihr geht ja auf im Wasser.» «Holen wir morgen den Teppich?», frage ich ihn. Er bürstet und putzt weiter die Miesmuscheln im Waschbecken. «Wieso sind die so klein», fragt er, und das soll wohl mir gelten.

«Was trinken wir zum Essen? Magst du Wein?», entgegne ich. «Na, du hast einen Bart und Kalkablagerungen, wie es sich gehört», sagt der Mann. Er spricht nicht mit mir, er spricht weiter mit den Miesmuscheln. «Du hörst mir gar nicht zu», sage ich im Beschwerdeton und schneide den Knoblauch in kleine Stücke. «Das tut mir leid», sagt der Mann. Ich denke zuerst, er meint mich, doch dann: «Tut mir leid, dass du nicht aufgehst. Da muss ich dich wohl wegschmeissen.»

Es ist Freitagabend, und ich will mit dem Mann sprechen, weil ich das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit habe. Doch er ist abgelenkt. Nicht bei mir. Ich bin bei ihm, klebe mit meiner Aufmerksamkeit an ihm wie eine Miesmuschel am Schlick. Sprich mit mir, hör mir zu, tausch dich aus – es ist Freitag, die Woche ist um. Ich stehe hinter ihm und versuche, diese Botschaft telepathisch in seinen Kopf hineinzubekommen. Es gibt so vieles, was mir im Kopf herumgeht. Der Mann ist ganz bei seinen Muscheln. Er schafft es, im Moment zu sein. Seine Gedanken sind ganz im Hier und Jetzt. Aber im Hier und Jetzt bin auch ich, stehe neben ihm in der Küche. Mir fällt diese buddhistische Geschichte ein, von der Meisterin, die nach dem Geheimnis ihres Glückes gefragt wird und darauf antwortet: «Wenn ich esse, esse ich, und wenn ich schlafe, dann schlafe ich.»

Jetzt gleich kommen die Muscheln in den Sud. Dann ist hoffentlich wieder Platz in dem Monotaskingschädel vor mir. Hoffentlich können wir nun miteinander reden. Oder er mit mir – das will ich ja. Er tut es: «Der billige Riesling eignet sich super für die Muscheln», höre ich. Stolz schwingt er die halbleere Flasche. «Den gibts auch zum Essen – da schmeckt er dann richtig teuer.» «Toll. Interessant», denke ich und nicke eifrig.

Fünfzehn Minuten später: Die Schüssel mit den Muscheln dampft auf dem Tisch, es duftet nach Knoblauch und Weisswein. Und Weisswein glänzt auch in unseren Gläsern. Endlich, wir zwei sitzen uns gegenüber. Zeit zu zweit. «Du bist aber schön», sagt der Mann, als ich gerade eine Muschel pule. Ich lächle, doch dann sehe ich, dass der Mann nicht mich anschaut, sondern die Muschel in seiner Hand. Er grinst schalkhaft und zeigt mir das Innere der Muschel. «Sie ist leer», sagt er mit gespielter Enttäuschung und legt die Schale beiseite. Dann sieht er mich strahlend an und sagt: «Wie war dein Tag?»

PS: Wer eine tiefere Erklärung zu den Worten der buddhistischen Meisterin braucht, der kann mir ja eine Mail senden – oder noch besser: Ich schicke mal den Mann vorbei, zum Studium am lebenden Objekt.

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