Das Bienenstich-Dilemma

Kolumne in der

Autorin Elke Reinauer

geschrieben von

Elke Reinauer - Die vielseitige Autorin

Journalistin, Autorin, Reisende, Leiterin einer NGO in Namibia, Kreativ-Coach und vieles mehr

Kennenlernen Teil 2

Das Bienenstich-Dilemma

«Guten Tag, ich möchte ein Stück Bienenstich!» So betritt der Mann das Café und ich folge ihm. Die Bedienung hinter der Theke raunzt ihn an: «Haben wir nicht, wir machen gleich zu!» Ich werde unruhig, das ist jetzt schon das zweite Café. Irgendwie fühle ich mich genötigt, von einem fremden Mann hier Reiseführer zu spielen. Warum machen Cafés hier auch um fünf Uhr zu? Wahrscheinlich weil sie sich hier mehr als Bäckerei begreifen denn als Café. Erst die Kälte auf einem Aussichtsturm, dann die Aufregung im Auto, als ich hinter dem frechen Kerl herfuhr, der mich auf dem Turm trotz der frostigen Temperaturen unverfroren angesprochen hatte, und jetzt kein geeignetes Café, in dem wir uns weiter unterhalten können. Ich möchte mich einfach nur hinsetzen, der Mann hat Lust auf Bienenstich. Da ist er explizit. Käsekuchen kommt nicht in Frage.

Als wir das Café verlassen, hat der Mann immer noch gute Laune. Es schneit inzwischen wieder, mitten im April, der Ort wirkt wie ausgestorben. Wir laufen durch das alte Stadttor, dahinter gibt es auch ein Café, sage ich etwas entkräftet. Doch hier haben wir ebenfalls Pech. Der Kellner sagt, er habe die Kaffeemaschine gerade angemacht und es dauere noch eine halbe Stunde, bis sie warm wird. Ich würde mich ja hinsetzen und warten, aber der Bienenstecher hat schon anders entschieden. Also landen wir wieder auf der Strasse. Meine Laune sinkt in den Keller. Erst musste ich mit ihm in den Haushaltswarenladen, um Geschirrtücher zu kaufen. Ich hatte das für einen eigenartigen Vorwand gehalten, mich in die Stadt zum Café zu locken. War es aber nicht. Aber auch hier waren wir erfolglos, denn den Laden, den ich in Erinnerung hatte, gab es nicht mehr.

Dieses Herumgeeier hier erinnerte mich an meine schlimmsten Dates mit unentschlossenen Wichtigtuern, die mich am Ende im Café noch zahlen liessen. Wir haben uns zwar gerade erst getroffen, und vielleicht ist das ja gar kein Date, aber irgendwie fühle ich mich so! Und er denkt an Geschirrhandtücher! Doch nicht lange. Der Mann steuert auf eine Pizzeria zu. Die ist voll. Er macht dem Ober ein paar ominöse Zeichen und wie durch Zauberhand bekommen wir einen Platz. Hier gibt es Cappuccino, endlich! Erst jetzt bemerke ich bei einem tiefen Atemzug, wie attraktiv der Mann ist: Helle, wache Augen, gute Figur jetzt ohne Mantel. Ich taue langsam auf, während es finster wird vor dem Fenster. Wir trinken Cappuccino und dann haben wir doch noch Lust auf eine Pizza, die wir uns teilen. Wir reden über alles Mögliche, dann reden wir über Beziehungen. Ich präsentiere mein ganzes Wissen und meine Vorstellungen. Er berichtet vom Ende seiner Ehe und ich erzähle, warum ich keine wollte. Wir reden und reden und das Restaurant leert sich. Er zahlt und fast als Letzte verlassen wir den Ort. Nur ein paar Häuser weiter ist eine kleine Weinbar. Hier trinken wir Prosecco und ich bin jetzt richtig locker, reisse Witze. Wir lachen viel. Der Mann schlägt vor, dass wir uns am nächsten Tag gleich wieder treffen, zum Frühstücken. Da bin ich jetzt mal ganz spontan: Ich sage ja und bin verliebt.

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