Jedes Jahr überrascht der Mann mich mit einem Urlaub à la surprise, das heisst, ich weiss nicht, wo es hingeht. Jetzt war es wieder einmal so weit. Wir fahren Richtung Süden. Es wird langsam dunkel. Wir sind im Tessin. Wir fahren weiter. Ich freue mich auf den Urlaub und hoffe auf Erholung, ein schönes Hotel, Pool, ach endlich… aber bei dem Mann weiss man nie, denn er sagt immer er brauche keine Erholung. Das ist nur so eine moderne Floskel, die jeder übernimmt, um seinen mangelnden Arbeitseifer zu kaschieren: „Ich muss mich entspannen, ja wovon denn. Glücklicher als wir kann man doch gar nicht mehr werden.“ Also mir würden da vielleicht schon noch so ein bis zwei Sachen einfallen.
Als die Strasse immer enger wird und die Landschaft immer bergiger, frage ich mich, wo hier ein Hotel sein soll. Der Mann fährt. Unsere Endstation: ein Dorf. Ob man das so nennen kann? Eine Anhäufung von Steinhäusern. Steinhäufen. Ich bin verwirrt. Noch verwirrter als der Mann sagt, dass wir hier übernachten werden. Hier? In einem alten Steinhaus? Ja, sagt der Mann und führt mich die Treppenstufen hinauf. Wir stehen vor dem Haus, es ist offen, aber wir finden den Lichtschalter nicht. Innen alles eng. Der Mann weiss doch, was ich mag, warum bringt er mich hierher?
Als wir endlich den Lichtschalter finden, sieht alles noch schlimmer aus: Überall steht was herum. Pablos Pension, sagt der Mann. Pablo kommt später, wir sind in Zimmer neun. Das ist ein Zimmer mit Holzkommode, Holzbett und roten Vorhängen. Alles sieht aus wie in einem Hostel mit indischem Einschlag, überall hängen Bilder von diesem Pablo beim Klettern. Später erzählt besagter Pablo zu allem Überfluss, dass in unserem Zimmer die alte Hausbesitzerin wohnte, bis sie starb.
Ich bin fix und fertig, kämpfe mit mir. Soll ich dem Mann sagen, dass es mir nicht gefällt? Ich sage erstmal nichts. Ich fühle mich verzweifelt und der Mann muss es an meinem Gesicht gesehen haben. „Keine Angst, unsere Unterkünfte werden von Tag zu Tag feudaler“, sagt er. Ich nicke nur. Baut der Mann ab? Für unseren ersten Überraschungsurlaub entführte er mich in einen Palast nach Istanbul, gigantisches Hotelzimmer, üppiges Frühstücksbuffet. Hier finden wir das Frühstück in der Küche, bereits im Kühlschrank hergerichtet. Ein Stück weisser Käse. Tomaten. Marmelade, selbstgemacht. Okay.
Auf dem kleinen Steinbalkon gibt es kein Licht. Kurzentschlossen reisst der Mann das Stromkabel von der Decke und hängt es verlängert um die Nachttischlampe aus dem Fenster.
Meine Panik legt sich, als wir uns auf den Balkon setzen und den mitgebrachten Sekt aus der Kühltasche öffnen, es ist schliesslich Urlaub. Ob es der Sekt war oder die Ruhe, ich schlief in jener Nacht im Bett der toten Tante so unglaublich gut. Und bei Licht betrachtet sah die Unterkunft am Morgen schon schöner aus. Und der Blick in ein bizarres Tal vor uns, fantastisch. Beim Brot-und-Käse-Frühstück in der Küche erinnerte ich mich an zahlreiche Hostel-Aufenthalte. Und es ging mir schon besser. Und die Wanderung am nächsten Tag durch das einsame, hohe Maggiatal war eine der schönsten meines bisherigen Hikinglebens.
Kurz: So entspannt war ich selten.


2 Kommentare
Ja, das Tessin ist speziell, wir haben vier Jahre dort gelebt. (In Minusio). Uebrigens, liebe Elke, Dein Buch über Namibia interessiert mich; ich habe in den 60er Jahren zwei Jahre in Afrika gelebt, davon ein Jahr in Namibia..
Liebe Grüsse Hugo
Danke für deinen Kommentar! Ich bin dann schon gespannt, wie dir mein Buch gefallen wird. Liebe Grüsse Elke