Dieser eine Ort in Dawson City

Autorin Elke Reinauer
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Elke Reinauer - Die vielseitige Autorin

Journalistin, Autorin, Reisende, Leiterin einer NGO in Namibia, Kreativ-Coach und vieles mehr

Das Westminster Hotel in Dawson City

Ich wache auf und sie ist da, diese Sehnsucht nach Dawson City, nach dem Yukon. Immer, wenn es gerade viel ist in meinem Leben, dann träume ich mich weg … in meine Herzensheimat, wo ich zwei Jahre gelebt habe. Yukon, wann sehen wir uns wieder?

Vor ein paar Wochen erreichte mich die Nachricht, dass das Westminster Hotel in Dawson niedergebrannt war – 128 Jahre Klondike-Geschichte, in einem Feuer verschwunden. Und mit ihr die Bar The Pit. Ein richtiger Wild-Western-Saloon.

Für ein Wochenende nach Dawson City

Bei mir stiegen Erinnerungen auf … Ich erinnerte mich an das verrückte Wochenende, an dem meine Freundin und ich in Whitehorse frühstückten und dann spontan beschlossen, an einem x-beliebigen Samstag nach Dawson City zu fahren – ohne besonderen Grund. Auf dem Weg ging uns fast das Benzin aus. Wir kamen mit dem letzten Tropfen an, hungrig, gingen ins Downtown Hotel und bestellten zwei Cheeseburger. Eine halbe Stunde später kam der Kellner zurück und teilte uns mit, dass der Koch gerade eben – in genau diesem Moment – seinen Job hingeschmissen hatte.

Also gingen wir rüber ins The Pit … wenn man in Dawson ist, muss man dort hin. Ich wünschte, ich könnte euch jetzt eine verrückte Geschichte erzählen, aber die gibt es nicht. Ich bestellte einen Drink, schaute mich um, sog alles in mich auf und versuchte mir vorzustellen, wie es wohl zur Goldgräberzeit hier gewesen sein musste. Ein Moment, in dem in mir der Funke für den Roman gezündet wurde, den ich jetzt, Jahre später, schreibe.

Ich war nur ein Gast, und The Pit war nicht mein Ort. Aber als ich die Nachrichtenbilder sah – dunkler Rauch am Himmel, Flammen, die das Gebäude fraßen – wurde mir schwer in der Brust.

Schreiben an Lieblingsorten

Es liegt daran, dass ich Orte liebe. Sie sollten sich nicht verändern und nicht verschwinden.

Orte und Schreiben sind bei mir eng verknüpft. Wie auf meiner ersten Reise (2011) nach Kanada, einem Roadtrip allein durch Ontario. Ich landete schließlich in Montreal, müde vom vielen Fahren, blieb ich dort hängen und dachte, ich sollte etwas besichtigen, aber ich ging nicht auf Sightseuring-Tour. Es war mein Urlaub. Ich hatte Zeit und wollte endlich einen Roman beginnen, über den ich jahrelang nachgedacht hatte. Ich fand den perfekten Ort zum Schreiben. Er hatte alles, was ich brauchte: Kaffee, große Fenster, schlichte Holzmöbel. Es war ein ganz gewöhnliches Starbucks in einer Buchhandlung an der Rue Sainte-Catherine. Und dort erlebte ich, was man Flow nennt, zum ersten Mal im Leben.

Ich schrieb stundenlang, ohne nachzudenken, ohne mich ablenken zu lassen, obwohl ich an einem belebten öffentlichen Ort voller Lärm saß. Den Lärm um mich herum hörte ich nicht. In meinen Pausen schaute ich aus den Fenstern und beobachtete die Menschen, die die Straße auf und ab eilten – und fühlte dabei eine Ruhe auf meiner kleinen Schreibinsel, eine Verbundenheit mit den Menschen um mich herum, ohne mit ihnen zu sprechen.

Ich beobachtete sie: Obdachlose, Geschäftsleute in Anzügen, Touristen mit Stadtplänen und Kameras in den Händen, junge Frauen in kurzen Kleidern. Wenn ich mit dem Schreiben fertig war, griff ich zu einem Buch und las ein wenig, oder ich ging hinaus und stürzte mich ins Treiben der Innenstadt. Wie ich dieses Café liebte!

Ich will zurück

Man kann sich denken, was mit diesem Café passiert war, als ich zwei Jahre später zurückkehrte … Es war weg. Ein neues Café mit neuen Möbeln und Stehtischen hatte seinen Platz eingenommen. Aber ich wollte genau dieses Café, weil ich es mit dem Flow und mit dem Schreiben meines Buches verband. Ich wollte zurück … zum Flow … zurück zu mir.

Die Magie, die bestimmte Orte in sich tragen, ist nur eine Illusion, erkannte ich damals. Aber … wenn ich nicht weiterkomme, wenn ich mich unruhig und uninspiriert fühle – wohin gehe ich dann? Wo ist dieser perfekte Ort zum Schreiben?

Ich werde diesen Ort nie wiederfinden, solange ich an diese Illusion glaube.

Ein Zuhause in der Fremde

Und doch verfalle ich noch immer dieser Illusion. Wenn ich jetzt nur nach Montreal zurückkehren könnte, würde mein Buch wie von selbst entstehen. Wenn ich jetzt nur nach Dawson reisen könnte, würde mich das inspirieren. Wenn ich doch nur den Sommer im Yukon verbringen könnte … wenn, ach wenn …

The Pit stand 128 Jahre lang. Generationen von Dawsonites haben diese Tür durchschritten. Sie haben dort mit Gold gehandelt, sich betrunken und verliebt, gelacht und gestritten. Für viele war es der erste Ort im Yukon, der sich wie Zuhause angefühlt hatte.

Ich habe gelernt: Jedes Mal, wenn mich diese Sehnsucht nach einem Ort überkommt, ist sie ein Zeichen, zu mir selbst zurückzukehren. Wenn ein Ort verschwindet, trauern wir nicht nur um das Gebäude, den Platz, nein, wir trauern um die Version unserer selbst, die dort lebendig war. Und doch bleibt sie, die Sehnsucht. Yukon, wann sehen wir uns wieder?

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