Wir landen auf dem Flughafen in Whitehorse, einer Stadt, in der man früher wusste, wie spät es ist, anhand der Flugzeuge. Wir blickten hinauf und sahen die Air Canada-Maschine und wussten, es ist halb drei. Damals gab es vielleicht so drei bis vier Flugzeuge am Tag und jeden Sonntag im Sommer die große Condor-Maschine aus Frankfurt – für all die abenteuerlustigen Deutschen.
Wiedersehen mit Freunden
Meine Freundin Fabiola holt mich vom Flughafen ab und wir fahren direkt zum Abendessen mit den anderen im Hyatt in Whitehorse. Ein riesiger Hotelkomplex, der seit August in der Main Street thront und ein Restaurant beherbergt, wie es überall auf der Welt zu finden ist. Whitehorse hat sich ganz schön verändert, stelle ich am nächsten Morgen fest, als ich durch die Straßen laufe. Aus der verschlafenen Kleinstadt, in der ich vor zwölf Jahren gelebt habe, ist eine geschäftige Stadt geworden, die an ihren Außenrändern mit Häuserkomplexen und sogar einem ganzen neuen Vorort explodiert ist.
Ich habe das alles schon geahnt. Aber ich bin ja hier wegen meiner Freundinnen Fabiola, Nancy und Josine. Und den Erinnerungen, die kommen. Und ja, es geht mir ein wenig wie Jack London: Er verbrachte nicht allzu viel Zeit im Yukon, gerade mal fast ein Jahr, aber aus dieser Zeit schöpfte er unglaublich viel Inspiration für seine Geschichten. Kürzer als ich, bei mir waren es fast zwei Jahre. Und hier klopft sie wieder an, die Idee, zu schreiben, wie es mir im Yukon ging, was ich erlebte, dies alles in Geschichten zu verpacken. Es macht mich nachdenklich. Instagram und die bunten Buchcover mit den Liebespaaren drauf sind weit weg.
Der Yukon River und die Adlerbegegnung
Als ich damals das erste Mal hier war, war es Sommer und ich saß stundenlang am Flussufer, fasziniert von dem grauen Wasser, das so schnell dahinfließt. Jetzt ist es Oktober und ich gehe mit meiner Freundin Josine auf den Sandklippen entlang. Unter uns zieht der Yukon dahin. Raben gleiten im Wind. Der Himmel ist schiefergrau.
Nur wenige Meter vor uns landet ein Adler. Wir bleiben stehen und halten den Atem an. Es ist ein junger Adler, er hat noch keinen weißen Kopf. Sein Gefieder ist braun. Ich kann nicht erkennen, ob er mich anblickt. In diesem Moment, als er sich erhebt und die Flügel ausbreitet, weiß ich: Dafür bin ich hierhergekommen. Das ist ein Moment, der auch in meinem Buch „Deine Stimme in meinen Träumen“ erzählt wird. Ein Moment von Freiheit und Glück.
Einen Adler zu sehen bedeutet Glück, sagen jedenfalls die Ureinwohner, denn wo der Adler ist, ist auch Beute.

Leben im Blockhaus
Ich übernachte bei Josine, die in einem Blockhaus außerhalb von Whitehorse im Wald wohnt. Dort im Blockhaus brennt den ganzen Tag ein Feuer im gusseisernen Ofen. Die Wärme fühlt sich wohlig an in der Hütte. Draußen ist es bereits kalt, die Luft so klar und rein wie nirgendwo auf der Welt. Die Stille in den Wäldern ist dick wie eine schwere Decke. Hier zählt nichts anderes: Stille, Wärme, Ruhe, Freunde. Morgens wird es erst um halb neun hell. Grund genug, den Morgen langsam anzugehen. Ich erinnere mich an meinen ersten Yukon-Winter, als die Sonne im Dezember erst gegen zehn Uhr über die Hügel kroch und ich mit meiner Mitbewohnerin Andrea einen gemütlichen Morgen verbrachte. Die Welt war so langsam geworden hier im Norden.
Wanderung in Carcross
Einen Tag haben wir uns zum Wandern ausgesucht, auf dem Sam McGee Trail bei Carcross. Auf dem Trail liegen alte Relikte einer Goldmine oder von Goldgräbern. Hier gab es einen Lift, von dem überall noch die Masten stehen. Gold gibt es überall im Yukon und es wird immer noch danach gesucht – mit Erfolg.
Ich liebe Carcross. Das ist ein verschlafenes Örtchen mit Holzhäusern aus der Gold Rush-Zeit, dem Caribou Hotel, in dem es boomt, einem Coffeeshop und einem schönen See mit einem weitläufigen Sandstrand. Wir machen einen Stopp im Caribou Crossing Coffee, das von der Deutschen Heike Graf geführt wird, und lassen uns Kaffee und Kuchen schmecken. Wieder tauche ich ein in Stille und Ruhe und in die wohlige Freundschaft meiner Mädels. Vier Tage, die sich anfühlen wie eine goldene Ewigkeit.
Tipps für den Yukon:
Wandern, wandern, wandern: Yukon Hiking bietet Trail-Vorschläge für alle Schwierigkeitsgrade.
Entspannung: Abtauchen in die Eclipse Nordic Hot Springs (ehemals Takhini Hot Springs) – davor Kaffee im Bean North, einem Fair-Trade-Kaffeeröster mitten im borealen Wald.
Carcross erkunden: Das Caribou Crossing Coffee, geführt von Heike Graf, und ein Besuch der Carcross Desert – die „kleinste Wüste der Welt“ (eigentlich ein Dünenfeld aus der Eiszeit).





