Ich bin zuhause und habe Homeoffice. Der Mann kommt heute nicht zum Mittagessen nach Hause wie sonst, wenn ich Homeoffice mache. Er hat sein Essen mitgenommen. Gestern Abend habe ich ein ernstes Wörtchen mit ihm geredet. Denn derzeit haben wir uns dem Intervallfasten verschrieben: 16-Strich-acht, das bedeutet, dass man wirklich 16 Stunden fastet und in einem Zeitraum von acht Stunden isst, nicht in einem Zeitfenster von zehn Stunden oder zwölf. Acht heisst eben acht. Er geht da etwas lax um mit der Zeit. Behauptet, er könne sich gar nicht mehr erinnern, wann wir Abend gegessen hätten. Weil wir gestern spät z’Abig hatten, war es nun so, dass ich gesagt habe: «Heute erst wieder ab dreizehn Uhr oder noch besser ab halb zwei etwas essen.» Das gilt auch für mich.
Aber dann wache ich heute Morgen auf und habe Lust auf Brötchen oder Gipfeli. Die bäckt Sandra im Café Vis-à-vis gerade auf. Man kann den Duft bis hierher riechen. Glaube ich. Egal. Ich denke an den Plan mit dem Intervallfasten. Eigentlich habe ich bis jetzt gut durchgehalten. Es ist halb zehn Uhr. Noch drei Stunden Wartezeit bis zum ersten Bissen. Na gut, ich bin ja nicht Opfer meiner Triebe. Ich kann warten. Ich stürze mich in meine Arbeit. Der Artikel will fertig werden. Unterbrochen wird der Schreibfluss gelegentlich von Gedanken an Brötchen, die im Brotkasten liegen und immer schrumpeliger werden.
Zweieinhalb Stunden später höre ich das Klicken der Wohnungstür. Der Mann hat spontan entschieden, dass er ja ein Nickerchen machen kann, um dann nach 13 Uhr ganz pünktlich sein Essen hier zu verzehren. Mist. Ich stürme in die Küche, doch da hat der Mann meinen Teller schon erspäht:
«Während ich brav faste, isst du ein Marmeladebrot», sagt er und deutet auf den Teller mit den Himbeermarmeladen-Resten. «Was machst du denn hier?», herrsche ich ihn an – um abzulenken. Marmeladenbrot. Schön wär’s.
Es ist nämlich noch schlimmer, als er denkt. Es war kein Marmeladebrot. Es war nicht so, dass ich in die Küche ging und dann im Affekt das Brötchen schmierte und ass. Es war so, dass ich vorsätzlich aus dem Haus ging, zu Sandra und mir ein Croissant kaufte, das ich genüsslich daheim mit Marmelade und Butter verzehrte. So war’s.
«Du predigst Wasser und trinkst Wein», sagt er. Schuldbewusst lasse ich den Teller in der Spülmaschine verschwinden und giesse mir ein Glas Wasser ein. «Weisst du was?», strahlt der Mann: «Ab morgen machen wir inverses Intervallfasten! Wir essen sechzehn Stunden und machen acht Stunden Pause.»
