Charakterbildung
Ich räume die Spülmaschine ein und denke daran, was der Mann gesagt hat: «Wenn du das Besteck akkurat nebeneinander legst, dann bildest du deinen Charakter. Eins neben das andere. Geduld und Ordnung.»
Ich hasse das. Bevor ich mit dem Mann zusammenzog, hatte ich eine Spülmaschine, in der es einen Besteckkorb gab, da wurde alles reingeschmissen. Doch dieser Spass war irgendwann vorbei, als die Mitbewohnerin einen Aufsatz auf den Korb legte. Von da an hiess es, jede Gabel und jedes Messer einzeln reinzustecken. Immerhin gemischt. Als wäre das nicht lästig genug, gibt es nun bei der Spülmaschine in unserer neuen Wohnung ein ausziehbares Tablett im oberen Bereich. Hier wird dieses säuberlich hintereinander in Rillen gelegt, eins ans andere. Meistens achte ich nicht zu sehr auf die Rillen und lege das Besteck einfach nebeneinander irgendwie hin. Kopf neben Fuss, Löffel neben Gabel. Das sieht der Mann als Charakterschwäche an und forderte mich auf, das Besteck ordentlich einzusortieren. Ich habe keine Geduld dafür, geschweige denn Zeit. Doch wenn es dem Charakter nützt?
Wie wird sich mein Charakter verbessern, wenn ich dies umsetze? Ich stelle mir vor, dass die blitzsauberen Besteckteile auch auf mein Leben ihren Glanz abgeben. Ich werde sauberer, offensichtlich bin ich nicht ganz sauber. Oder dass das akkurate Hintereinanderlegen von Löffelchen und Gäbelchen mein Leben so bereichert, dass ich künftig überall so verfahren werde. Wenn ich Karotten fürs Essen schneide, werde ich diese hintereinanderlegen, feinsäuberlich. Meine Kleidung wird im Schrank der Auslage in einem Modegeschäft gleichen. Nichts liegt daneben, nichts steht hervor. Wenn in meinem Charakter nichts mehr hervorsteht oder danebenliegt – werde ich ihm dann nicht zu langweilig?
Mein Blick fällt auf unseren Cheminée. Daneben ist der Stapel mit dem Feuerholz. Heute Abend werde ich ihn fragen, ob er nicht die Scheite mal sortieren will. Nach Länge und Liegerichtung. Das geht ja so gar nicht. Ja, der Mann hat es nicht leicht mit mir. Ich sehe es ein, als ich jetzt das Besteck einräume und auf mein Werk blicke: Gabeln schmiegen sich aneinander, kein Messer tanzt aus der Reihe, die Schneidflächen zeigen jeweils nach unten. Löffel halten ihre Löffelchenstellung ein. Ich bin stolz auf mich. Und fühle mich schon wie ein besserer Mensch.





