Der Mann sieht aus wie ein Eierbecher in seiner High-Waist-Jeans, wenn er sie hochzieht. Ich schüttle missbilligend den Kopf. Doch er trägt die Hose schon die ganze Woche. Schüchterne Hinweise, dass ihm High Waist nicht so gut steht wie andere Schnitte, hat er ignoriert.
Er ist ein Modeguru. Selbsternannt. Auch zu meiner Kleidung hat er eine Meinung. Besser gesagt zu meinem Schuhwerk. Zum Geburtstag schenkte er mir schwarze Pumps, die sahen wirklich toll aus und ich konnte darin gut laufen. Ich meine, ich bin ihm um den Hals gefallen – nicht wegen der Schuhe an sich, sondern weil er es gewagt hat und sie auch noch passten. Welcher Mann traut sich schon so was.
«Frauen tragen Pumps und dazu ein Kostüm», sagt der Mann. So stellt er sich vor, dass ich zur Arbeit gehe in den neuen Pumps und Kostüm. «Schau mal die ganzen Journalistinnen, die im Fernsehen immer Kriminalfälle lösen», sagt er. «Kostüm passt immer.» Dabei vergisst er, dass ich als Redaktorin und Lokaljournalistin oft bei zünftigen Vereinsanlässen bin oder stundenlang in Sitzungen, wo sowieso niemand auf meine Schuhe achtet.
Es ist nicht so, dass ich hochhackige Schuhe nicht mag: Ich liebe sie. Sie sind Statussymbol, Schmuck und Schande zugleich. Schande, weil die Guten meist zu teuer sind. Heimlich träumte ich von einem sauteuren Paar Schuhe. Die mit der roten Sohle. Ihr wisst schon … Aber, wann würde ich diese anziehen?
Dennoch habe ich mir kürzlich ein Paar Traumschuhe im Internet bestellt; gebraucht versteht sich (… und ohne rote Sohle). Schwarzweiss mit schwarzer Lackspitze sind sie, Kitten-Heel-Absatz haben sie. Als ich sie dem Mann stolz vorführe, sagt er: «Die sehen aus wie die Schuhe damals von meiner Oma!» Schmollend ziehe ich sie aus und nur noch an, wenn er es nicht bemerkt.
Welche Schuhe gefallen eigentlich dem Mann? Nicht die gebrauchten schwarzweissen Kitten Heels mit Lackspitze. Auch nicht die schwarzen Dancing-Ballerinas, die ich an den Füssen einer Influencerin gesehen hatte, die darin durch Paris schlenderte: Als ich dem Mann ein Bild der Influencerin zeigte, sagte er: «Das ist eine Kellnerin.» Nur weil sie im schwarzweissen Kleid mit Matchabecher in der Hand und den Ballerinas herumspazierte. Durchgefallen.
So wie die flachen Ledersandalen mit Plateau-Sohle: «Da stehen deine Zehen hervor», meinte er. Und von den todschicken Lack-Loafers reden wir mal gar nicht. Also teile ich meine Schuhe in Nicht-Mann-taugliche und Mann-taugliche ein. Da bleibt dann nur eins übrig zum Tragen: Das Paar schwarze Pumps, die er mir geschenkt hat.
