Die verkaufte Venus

Kolumne in der

Autorin Elke Reinauer

geschrieben von

Elke Reinauer - Die vielseitige Autorin

Journalistin, Autorin, Reisende, Leiterin einer NGO in Namibia, Kreativ-Coach und vieles mehr

Ich bin eine Göttin. So sieht der Mann mich. Als Venus, die aus der Muschel kommt. Schon beim vierten Date sprach er davon und zeigte mir ein Foto des berühmten Kunstwerks von Botticelli: Die Geburt der Venus. Er sagt, ich sähe genauso aus. Die Haare, der Körper. Mir wird ganz heiss, das ehrt mich. Ich geniesse es, wenn er davon erzählt. Fasziniert, mit leuchtenden Augen. Ob er damals wohl schon wusste, dass das Bild wahrscheinlich eine junge Fischerin kurz vor der Entjungferung durch den Grafen zeigt, der das Bild bestellt hatte?

Jedenfalls wäre der Mann nicht der Mann, wenn er nicht einige Monate später seine Vision in die Tat umsetzen würde. Er organisiert ein Fotoshooting bei einer alten Bekannten, einer sehr guten Fotografin. Und dafür muss ich zur Venus werden. Eine Stunde lang werde ich geschminkt, Styling fällt aus, weil Kleider sind ja nicht nötig. Nur ziemlich lange muss ich im Bademantel herumsitzen. Ich schaue in den Spiegel.

Ja, ich bin das, die Venus. Die Haare schöner als das Original, oder genauso schön, rotgolden. Das Shooting beginnt – ich soll die gleiche unmögliche Pose des Originals einnehmen. Ein Laubbläser sorgt für die windbewegte Frisur. Spannend – es scheint zu klappen. Die Fotografin ist toll, vor ihr fühle ich mich nicht nackt. Der Mann schaut kritisch auf den Kontrollmonitor. Er drückt mir ein Paddel in die Hand. «So, moderne Variante: Die Muschel wird zum SUP», tönt er. «Die Geburt des SUPs.» Der Mann ist einfallsreich. Ich mache alles mit, fühle mich als Supermodel.

Einen Monat hängt er über der Bildbearbeitung seiner (meiner) Kunstwerke. Jetzt hänge ich fast lebensgross über unserem Bett. Superschön ist es geworden. Ich fühle mich glücklich … göttlich. So sieht der Mann mich. So kann es bleiben, so kann er mich anbeten. Doch da gibt es ja noch die Version mit dem Paddel in der Hand. Die zeigt mir der Mann und sagt mir ganz unverblümt: «Ich biete das einer SUP-Firma an. Das wird der Knaller. Es wird überall als Werbeplakat hängen.»

Macht er Witze?

«Sie werden viel Geld bieten, wirst sehen.»

«Nein», sage ich, «ich will das nicht.» «Und wenn sie 10 000 Franken bieten?» Ich überlege. Das Bild drückt die Verehrung und Zuneigung des Mannes aus. Wenn er es verkauft, ist alles dahin. Die schöne Brücke, die wir von unserem dritten Date bis zum fertigen Bild, ein Jahr später, gebaut haben. Auf einmal fühle ich mich wie die echte Venus im Original: kurz davor, verkauft zu werden. Ihre Jungfräulichkeit wird verschenkt. Jetzt wird er grössenwahnsinnig, der Mann. Will mich vermarkten. Die Venus verkaufen. Meine Schönheit und Jugend. Ich betrachte mich auf der Muschel, mit dem Paddel in der Hand. Ich sehe lächerlich aus. Sollte der Mann dieses Bild verkaufen, könnte es wirklich passieren, dass diese Venus davonpaddelt. Und nicht nur auf einer Muschel.

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