Fastenzeit

Kolumne in der

Autorin Elke Reinauer

geschrieben von

Elke Reinauer - Die vielseitige Autorin

Journalistin, Autorin, Reisende, Leiterin einer NGO in Namibia, Kreativ-Coach und vieles mehr

Dry January ist für mich neumodischer Kram. Wir machen Fastenzeit, wie jedes Jahr und wie schon die Grosseltern: Von Aschermittwoch bis Ostersonntag verzichten wir auf diverse Speisen, dieses Jahr auf Alkohol und Süssigkeiten. Darunter fallen auch Kuchen und Gebäck. Nach der Fasnacht braucht der Körper eine Pause. Unsere Fastenzeit ist dieses Jahr nur vier Wochen lang, weil wir in den Ferien waren. Fasnacht und Ferien fangen zwar beide mit F an, passen in meiner Vorstellung aber so gar nicht zusammen. Der Mann hat deshalb schon angedroht, die Fastenzeit zu verlängern. «Dann gibt es keine Schoggi-Eier», sagt er. «Und auch keinen Eierlikör», schnippe ich zurück, und schon ändert er seine Meinung.

Wir haben während dieser Zeit drei Joker, die wir einlösen können, wie bei einem Spiel. Aber das will gut überlegt sein: Am vergangenen Sonntag radelten wir am Bodensee entlang. Was Beine hat, genoss die ersten wärmenden Sonnenstrahlen. Alle Cafés waren geöffnet und bevölkert von plaudernden Müssiggängern. Vor meinem inneren Auge tauchte das Bild eines saftigen Stückes Himbeertorte auf. Zarte rote Beeren, umhüllt von einer Geleeschicht, platziert auf Buttercreme, darunter ein Biskuitboden, so fluffig und leicht. Zeit für den Joker. Kaffee und Kuchen ist ohnehin mein Lieblingsritual, gerne auch unter der Woche – das gibt dem Tag ein kleines Highlight. Wir kamen an einem Schlösschen vorbei. Davor sassen die Gäste, Aperol leuchtete orange in bauchigen Gläsern, Kaffee wurde serviert, Kuchen sah ich keinen – gut für meine guten Vorsätze. Der Mann wäre lieber in den Biergarten einige hundert Meter weiter gegangen. Aber mir gefiel die Kulisse hier besser. Besessen von Himbeertortenträumen sah ich mich immer wieder nach dem Kellner um. Dieser war nicht in Sichtweite, also sassen wir einfach nur da und beobachteten die anderen Gäste. Und das taten wir auch noch zehn Minuten später, als uns der Kellner immer noch ignorierte. Wir entschieden uns dafür, zurück in unser Dorf zu radeln. Als wir aufstanden, kam der Kellner und entschuldigte sich: «Mein Kollege ist etwas überfordert.» «Macht nichts», erwiderte der Mann. «Wir machen sowieso gerade Fastenzeit.»

Unser Dorfcafé war zwar voll, aber für uns gibt es da immer ein Plätzchen. Wir diskutierten über Fastenbrechen. Der Mann hatte Lust auf ein Zitronensorbet mit Wodka, die Spezialität des Hauses, ich erzählte von meinen Himbeertortenträumen. «Heute Morgen hast du deinen Joker gezogen und annulliert», erinnerte mich der Mann. Stimmt. Ich hatte einen Bissen vom Croissant mit Pistaziencreme genommen und es dann zurückgelegt. Schmeckte irgendwie nicht. «Also wenn du den Joker jetzt ziehst, bestelle ich das Sorbet mit Wodka.» Das wiederum wollte ich nicht. Der Mann war bisher so diszipliniert – jetzt will er sich alles versauen? Er soll Haltung zeigen. «Ich mache es nur, wenn es noch ein Stück Himbeertorte gibt.» «Gut», sagte er. «Sollen wir das wirklich machen?», fragte ich kurz darauf. «Wir sollten in der Fastenzeit gar nicht ins Café gehen», sagte der Mann. Ich nickte – er hat recht. Das sind Tantalusqualen. Die Kellnerin erschien, ich bestellte Himbeertorte. Die Kellnerin verschwand, weil sie den Vitrinenbestand prüfen musste. «Willst du es wirklich machen?», fragte nun der Mann. «Du hast so gut durchgehalten bisher…» Die Kellnerin kam zurück und schüttelte den Kopf. «Aus.» Ich war erleichtert und frustriert zugleich. «Fasten heisst Verzicht», erinnerte mich der Mann und lächelte gequält. Wir tranken einen Kaffee ohne Zucker. Dann gingen wir nach Hause.

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